Warum hängt dieser Griff eigentlich genau dort?

Wie aus einer leeren Wand eine Kletterroute oder ein Boulder wird

Zwei Zentimeter können entscheiden. Gerade eben war eine Bewegung noch fast unmöglich. Dann wird ein Tritt ein kleines Stück nach links versetzt – und plötzlich funktioniert sie. Oder ein Griff wird nur ein paar Grad gedreht und aus einem einfachen Zug wird eine knifflige Bewegungsaufgabe.

Was in unseren Kletter- und Boulderhallen wie eine bunte Ansammlung von Griffen aussieht, ist deshalb alles andere als zufällig. Hinter jeder Route und jedem Boulder stecken eine Idee, Erfahrung, Kreativität – und ziemlich viele Versuche. Routenbau bedeutet nicht einfach, Griffe an die Wand zu schrauben. Es geht darum, Bewegungen zu gestalten.ur eine Route – sondern eine Idee davon, wie ihr euch an der Wand bewegen könnt.

Erst einmal: alles runter

Bevor etwas Neues entstehen kann, muss das Alte verschwinden. In regelmäßigen Abständen werden Routen und Boulder abgeschraubt. Die benutzten Griffe und Volumen werden von der Wand genommen, gereinigt und für ihren nächsten Einsatz vorbereitet. Für die Kletternden bedeutet dieser regelmäßige Wechsel: Die Wand bleibt vertraut, aber die Aufgaben verändern sich. Wo gestern noch eine Route verlief, kann beim nächsten Besuch eine völlig andere Bewegung gefragt sein. Für das Routenbauteam beginnt damit die Arbeit wieder bei null – mit einer freien Wand und ziemlich vielen Möglichkeiten.

Am Anfang steht eine Bewegung

Manchmal beginnt eine neue Route mit einer ziemlich konkreten Idee. Soll sie viel Gleichgewicht verlangen? Zu einer ungewöhnlichen Drehung einladen? Präzise Fußarbeit erfordern? Soll ein Zug dynamisch sein, sodass man Schwung aufbauen und im richtigen Moment zupacken muss? Manchmal läuft es aber genau andersherum: Ein besonderer Griff oder ein großes Volumen liegt vor dem Routenbauteam – und bringt die Idee erst ins Rollen.Was könnte man damit machen? Wie muss der Griff stehen, damit genau die gewünschte Bewegung entsteht? Und welche Griffe braucht es davor und danach? So entwickelt sich nach und nach eine Linie.

Schrauben, ausprobieren, wieder abschrauben

Dann geht es an die Wand. Beim Bouldern arbeitet das Routenbauteam direkt im Boulderbereich mit Leiter und Werkzeug. Beim Seilklettern kommen je nach Wandbereich Seile oder Hubsteiger zum Einsatz. Aber auch während des Schraubens wird längst geklettert. Einzelne Bewegungen werden ausprobiert, Griffe gedreht, Tritte versetzt oder wieder ganz entfernt. Eine Idee, die auf dem Boden noch hervorragend erschien, kann sich an der Wand völlig anders anfühlen. Genau darin liegt ein großer Teil der Routenbauarbeit: ausprobieren, beobachten und verändern.

Wenn zwei Zentimeter alles verändern

Ist die Linie zunächst fertig, beginnt das sogenannte Testen. Die Route oder der Boulder wird komplett geklettert – meistens nicht nur einmal. Funktioniert die gewünschte Bewegung wirklich? Ist ein Griff zu weit entfernt? Macht ein zusätzlicher Tritt die eigentlich geplante Bewegung plötzlich überflüssig? Passt die Schwierigkeit über die gesamte Linie hinweg? Gibt es vielleicht eine unbeabsichtigte Abkürzung? Dann wird nachgebessert. Ein Griff wandert ein paar Zentimeter. Ein Tritt verschwindet. Eine Leiste wird etwas gedreht. Ein Volumen bekommt eine andere Position. Manchmal ist der Unterschied kaum sichtbar – beim Klettern aber deutlich zu spüren.

„Griffe sind das Werkzeug, Bewegung ist das Ergebnis. Die Kunst liegt darin, aus einzelnen Griffen ein komplettes Erlebnis zu schaffen.“
Michi Schmeidl, Betriebsleiter DAV Kletter- und Boulderzentrum Thalkirchen

Eine Route – viele Lösungen

Und selbst wenn das Routenbauteam eine bestimmte Bewegung im Kopf hatte, heißt das nicht, dass später alle genauso klettern werden. Menschen unterscheiden sich in Körpergröße, Reichweite, Beweglichkeit, Kraft, Technik und Erfahrung. Ein Zug, der für eine Person naheliegend erscheint, kann eine andere zu einer völlig neuen Lösung bringen. Genau das macht Klettern und Bouldern spannend: Eine gute Linie gibt Hinweise – aber sie schreibt nicht zwangsläufig jede Bewegung vor. Manchmal entdeckt erst jemand aus der Halle eine Lösung, an die beim Schrauben überhaupt niemand gedacht hat.

Wie schwierig ist die neue Route?

Auch der Schwierigkeitsgrad entsteht nicht einfach auf dem Papier. Beim Testen schätzt das Routenbauteam gemeinsam ein, wie anspruchsvoll die neue Linie ist. Trotzdem bleibt die Wahrnehmung individuell. Was einer Person besonders liegt, kann für eine andere genau die persönliche Schwachstelle treffen. Deshalb ist der angegebene Schwierigkeitsgrad eine Orientierung – und euer Feedback interessant.

Jetzt kommt ihr ins Spiel

Nach der Freigabe beginnt für eine neue Route oder einen Boulder der eigentliche Praxistest: Viele unterschiedliche Menschen klettern die neue Linie. Über unser Tickboard könnt ihr mitteilen, wie ihr sie erlebt habt: War die Schwierigkeit für euch passend? Fandet ihr den Boulder leichter oder schwerer als angegeben? Und vor allem: Hat euch die Linie gefallen? Diese Rückmeldungen liefern unserem Routenbauteam wertvolle Hinweise für die weitere Arbeit. Vielleicht schaut ihr deshalb beim nächsten Mal ein bisschen anders auf die Wand:

Warum zeigt dieser Griff ausgerechnet in diese Richtung? Warum gibt es genau dort keinen Tritt? Und geht die Stelle vielleicht ganz anders, als ihr zunächst gedacht habt? Probiert es aus. Denn hinter den bunten Griffen steckt nicht nur eine Route – sondern eine Idee davon, wie ihr euch an der Wand bewegen könnt.

Noch mehr aus der Welt des Routenbaus

Wie entsteht eigentlich ein Klettergriff? Was macht eine gute Routenschrauberin oder einen guten Routenschrauber aus? Wie lassen sich Routen für möglichst unterschiedliche Menschen gestalten? Und wie entsteht aus einzelnen Bewegungen am Ende dieser besondere „Flow“ einer richtig guten Route? In den kommenden Beiträgen nehmen wir euch mit hinter die Kulissen unseres Routenbaus.