Vom Schaumstoff an die Kletterwand – wie ein Klettergriff entsteht

Ob winzige Leiste, runder Sloper oder riesiger Henkel: In unseren Kletter- und Boulderhallen begegnen uns täglich die unterschiedlichsten Griffe. Wir ziehen daran, steigen darauf, fluchen manchmal über sie – und freuen uns, wenn wir sie endlich richtig zu fassen bekommen. Aber wer denkt eigentlich darüber nach, wie diese Griffe entstehen? Wir haben mit Philipp Kujawa gesprochen. Der Routenbauer entwickelt bei Prisma Holds selbst Klettergriffe und hat uns verraten, wie aus einem einfachen Stück Schaumstoff ein fertiger Griff wird, warum dabei manchmal einiges schiefgeht und wie viel Kreativität in den Formen steckt.

Vom Routenbauer zum Griffdesigner

Angefangen hat alles mit der Neugier. Als Routenbauer hat Philipp ständig die unterschiedlichsten Klettergriffe in der Hand. Irgendwann wollte er wissen, wie diese eigentlich entstehen.

Den entscheidenden Anstoß gab Julius Kerscher, den er in der Kletterhalle kennenlernte. Julius hatte bereits Erfahrung im sogenannten Shaping, also dem Gestalten von Klettergriffen. Er drückte Philipp kurzerhand ein Stück Schaumstoff in die Hand und stellte den Kontakt zu Allgäu Holds her.

Seinen allerersten Griff formte Philipp damals bei Julius in dessen Wohnung. Das Ergebnis? Ein ziemlich viereckiger, einfacher Griff. „Aber er hat soweit funktioniert, dass man sich auf jeden Fall daran festhalten konnte“, erinnert er sich.

Heute würde er vieles anders machen. Doch der Anfang war gemacht. Schon kurz darauf gestaltete Philipp sein erstes komplettes Griffset.

Inzwischen entwickelt er bei Prisma Holds eigene Griffserien. Das Unternehmen wurde ursprünglich von Jonas Winter gegründet, der zunächst Griffe für seine eigene Kletterhalle in Wuppertal gestalten wollte. Heute betreiben die beiden Prisma Holds gemeinsam. Jeder entwickelt seine eigenen Serien, gleichzeitig tauschen sie sich regelmäßig über ihre Ideen aus.

Am Anfang steht ein Stück Schaumstoff

Wie wird aus einer Idee ein Klettergriff? Meistens hat Philipp zunächst eine bestimmte Form im Kopf. Soll es ein Sloper werden, also ein runder Aufleger, eine schmale Leiste oder ein Henkel? Wie groß soll der Griff sein, wie tief, wie breit?

Dann geht es ans Material. Für das Shaping verwendet er PU-Schaumstoff in unterschiedlichen Härtegraden. Zunächst sägt er die grobe Form aus einem größeren Schaumstoffblock heraus. Anschließend kommen Schaber, Messer, Töpferwerkzeuge und Schleifpads zum Einsatz. Mit ihnen arbeitet er sich Stück für Stück an die gewünschte Form heran.

Doch nicht immer entsteht am Ende genau das, was ursprünglich geplant war. Manchmal entwickelt sich während des Arbeitens eine ganz neue Idee. Philipp lässt sich dann auch vom Material leiten und schaut, welche Form sich daraus ergibt.

Dabei gibt es allerdings einen entscheidenden Haken: Beim Shapen wird Material abgetragen. Was einmal weggeschnitten ist, lässt sich nicht einfach wieder hinzufügen. Und so kann es durchaus passieren, dass ein Griff immer kleiner wird – bis von der ursprünglichen Idee nicht mehr viel übrig ist.

Wenn ein Leopardenmuster zum Klettergriff wird

Woher kommen eigentlich die Ideen für neue Griffformen? Die Inspiration kann aus ganz unterschiedlichen Bereichen stammen. Für eine seiner jüngsten Griffserien ließ sich Philipp beispielsweise von einem Leopardenmuster inspirieren. Dessen organische, asymmetrische Formen dienten ihm als Grundlage für die Gestaltung.

Manchmal entstehen zunächst Zeichnungen auf Papier oder Entwürfe am Computer. Manchmal beginnt Philipp aber auch direkt mit dem Schaumstoff und lässt sich überraschen, was daraus wird.

Die eigentliche Kunst besteht darin, eine Vorstellung im Kopf in eine dreidimensionale Form zu übertragen. Und dabei geht es nicht nur um einen einzelnen Griff. „Das Schwierigste ist eigentlich, erst mal eine grundlegende Idee zu haben und einer Linie zu folgen“, erklärt Philipp.

Denn eine ganze Grifffamilie zu entwickeln, ist wesentlich anspruchsvoller als die Gestaltung eines einzelnen Griffs. Die Formen sollen zusammenpassen und eine gemeinsame gestalterische Linie erkennen lassen. Gleichzeitig muss jeder Griff seine eigenen Eigenschaften besitzen und unterschiedliche Möglichkeiten für den Routenbau bieten. Das braucht Zeit, Erfahrung und jede Menge Geduld. Manche Entwürfe werden verworfen, andere überarbeitet oder später wieder aufgegriffen.

Schön allein reicht nicht

Ein guter Klettergriff muss mehr können, als interessant auszusehen. Natürlich spielt die Ästhetik für Philipp eine wichtige Rolle. Mindestens genauso entscheidend ist aber die Ergonomie. Ein Griff soll angenehm in der Hand liegen, keine unangenehmen Druckstellen verursachen und sich auch unter Belastung gut anfühlen.

Denn ob man einen Griff einfach nur in die Hand nimmt oder ihn mitten in einer Kletterbewegung belastet, macht einen großen Unterschied. „Ein Griff fühlt sich manchmal angenehm an, wenn man nur die Hand auflegt. Aber es ist noch einmal ein anderes Gefühl, wenn man aus einer Kletterbewegung heraus in den Griff gleitet.“

Auch die Oberflächenstruktur ist wichtig. Manche Griffe sind rau und bieten viel Reibung, andere besitzen bewusst glatte Flächen. Gerade solche Unterschiede können beim Klettern spannende Herausforderungen schaffen. Dabei muss Philipp bereits beim Shapen berücksichtigen, wie sich die fertige Form später anfühlen wird. Schließlich ist der Schaumstoff noch relativ weich, während der produzierte Griff aus deutlich härterem Material besteht.

Wenn der Griff plötzlich kein Loch für die Schraube hat

Natürlich läuft beim Shapen nicht immer alles nach Plan. Eine typische Schwierigkeit: Man arbeitet stundenlang an einem Griff und stellt irgendwann fest, dass gar kein Platz mehr für die vorgesehene Befestigungsschraube ist.

„Oh, ich habe gar keinen Platz für eine M10-Schraube!“, beschreibt Philipp einen solchen Moment. Dann lässt sich der Griff zumindest nicht mehr wie ursprünglich geplant befestigen. Auch zu viel abgetragenes Material kann einen Entwurf unbrauchbar machen. Bis ein komplettes Set fertig ist, wird deshalb viel ausprobiert, verändert und manchmal auch wieder verworfen.

Wie lange die Entwicklung dauert, lässt sich kaum pauschal beantworten. Wenn die Idee steht, kann ein einzelner Griff innerhalb weniger Stunden fertig geshaped sein. Der Weg zu einer stimmigen Serie kann dagegen wesentlich länger dauern.

Ist die Form schließlich fertig, geht es an die Produktion. Die späteren Klettergriffe werden unter anderem aus Polyurethan (PU) oder Polyester (PE) hergestellt. Bei besonders großen Griffen, sogenannten Makros, kommen auch Glasfaser und ABS-Thermoform zum Einsatz.

Gelegentlich lässt Philipp bereits während der Entwicklung Testgriffe herstellen, um zu prüfen, wie sich eine Form tatsächlich an der Wand anfühlt. Denn zwischen dem weichen Schaumstoffmodell und dem fertigen Griff kann es deutliche Unterschiede geben.

Kleine Veränderungen, große Wirkung

Wie sehr ein Griff die Bewegung einer Route beeinflussen kann, zeigt eine besondere Griffserie von Prisma Holds. Jonas hat Griffe entwickelt, die sich miteinander kombinieren lassen. Zwei einzelne Griffe können so zusammengeschoben werden, dass daraus eine neue Griffform entsteht. Je nachdem, wie sie angeordnet werden, verändert sich die Größe und damit auch die Schwierigkeit.

Für den Routenbau eröffnet das zahlreiche Möglichkeiten. Schon kleine Veränderungen können darüber entscheiden, ob eine Bewegung leichter oder schwieriger wird. Gerade im Wettkampfbereich ist das interessant, weil sich damit bestimmte Bewegungen und Schwierigkeitsgrade besonders gezielt gestalten lassen.

Überhaupt schätzt Philipp Griffe, die sich vielseitig einsetzen lassen: zum Greifen, zum Stützen, für dynamische Züge oder für statische Bewegungen. Je mehr Möglichkeiten ein Griff bietet, desto abwechslungsreicher können die Routen werden.

Zwei Perspektiven, ein Ziel

Dass Philipp nicht nur Griffe entwickelt, sondern auch selbst Kletter- und Boulderrouten schraubt, ist für ihn ein großer Vorteil. Als Routenbauer hat er ständig unterschiedliche Griffe in der Hand. Er weiß, welche Formen sich gut anfühlen, welche Bewegungen damit möglich sind und was ihm bei bestehenden Griffen vielleicht noch fehlt.

Diese Erfahrungen fließen unmittelbar in seine eigenen Entwürfe ein. Umgekehrt können neue Griffformen auch den Routenbau inspirieren. Denn ein ungewöhnlicher Griff eröffnet möglicherweise Bewegungen, die mit anderen Formen gar nicht möglich wären.

Dabei findet Philipp auch die Perspektive von Menschen spannend, die nicht aus dem Routenbau kommen. Wer beispielsweise einen künstlerischen oder gestalterischen Hintergrund hat, bringt vielleicht ganz andere Ideen für neue Formen mit.

Ein Griffset, auf das Philipp besonders stolz ist

Ein Projekt liegt Philipp derzeit besonders am Herzen: sein neues Griffset „Masupilami“. Bei dieser Serie hat er nach eigener Aussage besonders viel gelernt und seine gestalterischen Vorstellungen so gut umsetzen können wie noch nie zuvor.

Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs hatte er die fertig produzierten Griffe selbst noch nicht in der Hand. Umso größer ist die Vorfreude darauf, sie bald zum ersten Mal auszuprobieren. Und natürlich hofft er, dass seine neuen Griffe irgendwann auch in den Münchner Kletterhallen auftauchen.

Die Kreativität hört an der Kletterwand nicht auf

Was passiert eigentlich, wenn andere Menschen mit seinen Griffen Routen schrauben? Genau das findet Philipp besonders spannend. Denn jeder Routenbauer bringt eigene Ideen mit und nutzt die Griffe möglicherweise ganz anders, als Philipp es sich bei der Entwicklung vorgestellt hat.

Aus denselben Formen können völlig unterschiedliche Boulder und Kletterrouten entstehen. Und wenn er dann beobachtet, wie Menschen diese Bewegungen ausprobieren, sieht er auch, wie seine Griffe in der Praxis funktionieren. Für Philipp ist das ein wesentlicher Reiz seiner Arbeit: Mit seinen Griffen schafft er die Grundlage für die Kreativität anderer. Und wer weiß, welche ungewöhnlichen Formen künftig noch an unseren Kletterwänden auftauchen werden? Philipp jedenfalls ist gespannt, wohin sich das Griffdesign weiterentwickelt.

Vielleicht schaut ihr euch beim nächsten Klettern die Griffe an eurer Route einmal etwas genauer an. Denn hinter jeder Form steckt eine Idee – und oft viel mehr Arbeit, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Mehr über Philipp Kujawa, Jonas Winter und ihre Klettergriffe erfahrt ihr auf der Website von Prisma Holds.